Heute Morgen gegen 6.30 Uhr habe ich einen wunderschönen, orange leuchtenden Mond gesehen. Eine Erinnerung an den bevorstehenden Vollmond am 1. Februar. In der vedischen Astrologie heißt es, dass sich zu dieser Zeit die Kräfte des Festhaltens und des Loslassens besonders deutlich gegenüberstehen. Die Energie des Nakshatra Ashlesha, das klammern will, trifft auf die auflösende Kraft von Ketu, der alles losreißt, was uns nicht mehr gehört, ob wir bereit sind oder nicht.
Vielleicht spürst du es auch. Den gleichzeitigen Drang, festzuhalten und loszulassen. Alte Gefühle steigen auf. Nostalgie vermischt sich mit Leere. Du willst etwas, obwohl du längst weißt, dass es vorbei ist. Es ist ein inneres Hin und Her, ein Ziehen in beide Richtungen. Und genau diese Bewegung hat sich heute auch in meiner Kartenlegung gezeigt. Nichts steht isoliert. Alles ist Teil eines größeren Zusammenhangs, innen wie außen.
Es gibt keinen Zufall in der Art, wie uns Menschen begegnen. Keine Beziehung, keine Trennung, kein Schmerz geschieht getrennt vom Rest unseres Weges. Auch wenn sich manche Geschichten unvollendet oder verwirrend anfühlen, stehen sie nicht für sich allein. Sie sind eingebettet in eine Entwicklung, die uns Schicht für Schicht zu unserem innersten Kern zurückführt.
Wie ein ewiger, magischer Fluss tragen uns diese Erfahrungen durch Zeit und Leben. Der magische Fluss fließt nicht geradeaus. Er macht Umwege, bildet Strudel, reißt manchmal alte Ufer ein. Doch jede Biegung hat ihren Sinn. Denn alle Geschichten, die wir erleben, gehören zu einer größeren Geschichte, die wir oft erst im Rückblick verstehen.
Oft schwimmen wir lange gegen diesen Strom. Wir wollen festhalten, was sich längst zu lösen beginnt. Wir versuchen zu überzeugen, zu erklären, zu retten. Und manchmal wollen wir schlichtweg erzwingen, dass jemand uns liebt oder dass das Leben nach unseren Vorstellungen verläuft. Doch das Leben lässt sich nicht befehlen und das Herz eines anderen Menschen nicht zwingen. Erst wenn wir aufhören, gegen den Widerstand zu schwimmen, wenn wir loslassen, was nicht fließen will, beginnt etwas Tieferes. Wir kehren zurück in unsere eigene Kraft. Eine Kraft, die nicht auf Kontrolle beruht, sondern auf Vertrauen. Auf Würde. Auf Klarheit.
Vielleicht gab es eine Begegnung, die Sehnsucht weckte, aber keine Zukunft trug. Vielleicht war es ein ständiges Ziehen und Zerren zwischen Nähe und Rückzug, zwischen Hoffnung und Wahrheit. Doch gerade in diesen unbefriedigenden Verbindungen liegt oft der größte Spiegel. Der Hinweis darauf, wo wir uns selbst vergessen haben, um gehalten zu werden. Und die Einladung, unsere Werte und unsere Selbstachtung wiederzufinden, auch wenn es weh tut.
Es ging nicht darum, dass etwas hält. Es ging darum, etwas zu lernen. Wie emotionale Abhängigkeit entsteht. Wie schmerzhaft Selbstverleugnung sein kann. Und wie heilsam der Moment ist, in dem wir es schaffen, jemanden oder etwas loszulassen, obwohl wir es lieben.
Denn manchmal ist Erfüllung nicht die Verschmelzung, sondern die Rückkehr in die eigene Mitte. In die Unabhängigkeit der 9 der Münzen, in die Selbstgenügsamkeit der 9 der Kelche. In die Stille nach dem Sturm. Denn erst wenn wir wieder bei uns angekommen sind, können wir etwas Neues aufbauen. Etwas, das nicht mehr auf alten Mustern oder Erwartungen basiert, sondern auf Klarheit und innerer Reife. Keine Beziehung, die uns auffängt, sondern eine, die auf Augenhöhe stattfindet. Nicht, weil wir jemanden brauchen, sondern weil wir bereit sind.
Die Karte Yin und Yang erinnert uns daran, dass beide Kräfte in uns wirken. Das Empfangende und das Aktive, das Halten und das Loslassen. Doch es sind keine Gegensätze, sondern komplementäre Kräfte, die sich wechselseitig erzeugen und bedingen. Halten ohne Loslassen wird zur Stagnation. Loslassen ohne Halten wird zur Haltlosigkeit. Das Gleichgewicht beider entsteht selten in Harmonie, sondern meist durch Reibung. Oft erleben wir es in Beziehungen, die uns herausfordern, überfordern oder enttäuschen. Doch genau darin liegt ihr Sinn. Sie zeigen uns, wo wir lernen dürfen, unsere innere Balance zu finden zwischen Nähe und Autonomie, zwischen Geben und Grenzen, zwischen Wunsch und Wirklichkeit.
Am Ende sind wir nicht mehr dieselben, die wir zu Beginn dieser Reise waren. Wir sind klarer, wacher, authentischer. Wie der Narr, der sich am Anfang seines Weges voller Vertrauen ins Leben begibt, sind auch wir losgegangen. Oft ohne zu wissen, wohin uns dieser Weg führen würde. Doch mit jeder Begegnung, mit jedem Umweg, mit jedem inneren Bruch sind wir gewachsen. Wir haben gelernt, das Wesentliche vom Vorübergehenden zu unterscheiden. Haben erfahren, was uns wirklich trägt und was uns nur zerrt. Der Weg hat uns geprüft, gespiegelt, verletzt und verwandelt.
Die Geschichten, die vorbei sind, leben in uns weiter. Nicht um uns zu binden, sondern um uns zu befreien. Denn was wir erkannt und durchlebt haben, bleibt nicht ohne Wirkung. Es verändert, wie wir fühlen, wie wir sprechen, wie wir lieben. Und darauf kann etwas Neues entstehen. Etwas Echtes. Etwas, das nicht aus Bedürftigkeit kommt, sondern aus Kraft. Eine Verbindung, die auf gegenseitigem Respekt, innerem Gleichgewicht und Liebe beruht.
Und vielleicht ist das die tiefste Wahrheit von allem. Dass alle Menschen, die uns begegnet sind, letztlich Gefährten waren. Jeder auf seine Weise. Um uns etwas zu zeigen. Um uns ein Stück weiter zu tragen auf dem Weg zu uns selbst.
Um uns daran zu erinnern, wer wir sein wollten, bevor wir es vergessen hatten.
Verwendete Karten:
The Gilded Reverie Lenormand – Ciro Marchetti, U.S. Games Systems
The Wheel of the Year Tarot – Maria Caratti & Antonella Platano, Lo Scarabeo
Chinese Reading Fortune Cards – Sharina Star, Rockpool Publishing
The Map – Colette Baron-Reid, Hay House
Weisheitskarten der Seele – Colette Baron-Reid, Allegria Verlag
The Chronicles of Destiny Fortune Cards – Josephine & Emily Ellershaw, Schiffer Publishing