Es war einmal ein Königreich, das unter einem bleigrauen Himmel lebte. In diesem Land wuchs nichts mehr, die Bäume trugen keine Blätter, und die Menschen hatten vergessen, wie man lacht. Die Magie war verschwunden – oder vielmehr: verjagt worden. Denn einst, so flüsterten die Alten, lebte in den Tiefen des silbernen Waldes ein Einhorn – ein Wesen aus Licht und Traum, das alle, die es sahen, an das erinnerten, was sie wirklich waren: unschuldig. vollkommen. frei.
Doch die Menschen fürchteten diese Erinnerung.
Und so sandte der König einen Jäger aus.
Den besten, den stillsten, den zielsichersten.
Der Jäger trug kein Metall, nur weiches Leder und Schatten.
Sein Bogen war aus Eibenholz, sein Herz aus Stein.
Er glaubte nicht an Magie.
Er glaubte an Auftrag.
Er glaubte, dass Gefühle eine Schwäche seien.
Viele Tage wanderte er durch den Wald, ohne Schlaf.
Die Tiere schwiegen. Die Bäume hielten den Atem an.
Und dann sah er es.
Das Einhorn.
Es stand zwischen Nebeln und Licht, als sei es nicht ganz von dieser Welt.
Sein Blick traf ihn – und in diesem Moment geschah etwas Unerhörtes:
Der Jäger sah sich selbst.
Nicht als Waffe, nicht als Maske.
Sondern als Kind.
Mit offenen Augen.
Mit Sehnsucht.
Mit Hoffnung.
Er zögerte.
Doch die Erinnerung war zu schmerzhaft.
Er hob den Bogen – und ließ los.
Das Einhorn fiel, lautlos.
Der Wald weinte nicht.
Er starb mit ihm.
Der Jäger kehrte zurück, doch nichts war mehr wie zuvor.
Er wurde geehrt.
Aber in seinen Augen brannte ein Licht, das niemand verstand.
Er konnte nicht mehr schlafen.
Nicht mehr jagen.
Nicht mehr vergessen.
Denn in dem Moment, als das Einhorn fiel, hatte er das Letzte getötet,
was in ihm noch wahr gewesen war.
Und so verließ er eines Morgens das Königreich – ohne Wort, ohne Spur.
Manche sagen, er habe sich in einen Baum verwandelt.
Andere, dass er sich selbst ein Horn aus Licht schnitzte
und seither durch Träume wandert,
auf der Suche nach dem Teil von sich,
den er einst im Wald begrub.
Und manchmal, wenn die Welt ganz still ist,
kann man ihn hören –
wie er flüstert:
„Verzeih mir.
Ich wusste nicht,
dass du ich warst.“
Verwendete Karte:
Symbolon, Peter Orban, Ingrid Zinnel, Thea Weller