Altbau, Omantee und ein aufgeschlagenes Buch
Altbau, Omantee und ein aufgeschlagenes Buch

Altbau, Omantee und ein aufgeschlagenes Buch

15.7.

Ich hetzte zur Haltestelle und sprang in den Bus, als die Türen schon piepten. Neben mir setzte sich eine ältere Dame, die zwei schwer bepackte  Einkaufstüten balancierte. Was treibst du hier eigentlich? fragte ich mich. Insgeheim beschloss ich niemandem davon zu erzählen, dass ich  eine Kartenlegerin aufsuchte.

Im dritten Stock eines verwitterten Altbaus empfing sie mich mit einem stillen Lächeln und einer dampfenden Tasse Tee aus Oman. Zwischen bunten Stoffen, filigranen Laternen und süßlichem Räucherduft; eigentlich nicht meine minimalistische Welt, wurde ich dennoch unerwartet ruhig.

Kaum fünf Minuten später wurden Karten gemischt und über schwarzem Samt fielen ein Besen, graue Wolken, ein schroffer Berg, ein Kreuz und zuletzt ein aufgeschlagenes Buch.

 „Saturn und Neptun laufen gerade rückwärts“, begann sie, als würde sie eine längst bekannte Geschichte fortsetzen. Saturn, erklärte sie, sei der nüchterne Kontrolleur, der alte Muster zurückholt, sobald man sie unter den Teppich kehrt. Neptun zieht den Vorhang beiseite und lässt Luftschlösser in sich zusammenfallen und zeige ungeschönt, an welcher Täuschung man sich klammert. Wenn beide rückläufig sind, komme der Moment, in dem ein lang ausgedientes Kapitel endlich geschlossen werde.

Ich nickte, noch ehe mein Verstand folgen konnte. Weitere Karten erschienen: eine offenherzige Königin, ihr gegenüber ein attraktiver König, der sich abwandte; ein Mann, im rosa Anzug, der ausgelassen auf einem Tisch tanzte; ein muskulöser Typ, der eindrucksvoll posierte; und eine Frau, die sorgsam einen Verletzten hielt. Die Kartenlegerin sprach sanft, doch klar: Allzu oft verlieben wir uns nicht in das, was ein Mann tatsächlich ist, sondern in sein Potenzial. Wir malen uns Geschichten in Rosa, deuten Schweigen als Tiefe, halten Rückzüge für geheimnisvoll, bemerken Stärke, doch übersehen die Mauern dahinter. Wir verschenken unser Herz, während er auf Distanz bleibt und glauben dennoch, unsere Liebe könne ihn öffnen.

Sie strich über den Besen, den sie Ruten nannte und bot mir an, die eigenen Illusionen auszukehren. Die Wolken erinnerten daran, Wunschbilder von Wirklichkeit zu unterscheiden; der Berg mahnte, seine Mauer anzuerkennen; das Kreuz lag schwer da und zeigte, wie lange sich dieses Muster schon wiederholt; und das Buch wartete darauf, dass ich meine Geschichte neu schreibe, mit gegenseitigem Interesse, Offenheit, einem ehrlichen Blick auf die Realität und der schlichten Wahrheit, dass man Liebe nicht verdienen müsse.

Je länger sie sprach, desto leiser wurde das Pochen in meiner Brust. Saturn und Neptun waren keine Drohung, sondern ein Weckruf: den Schmerz entromantisieren, das alte Drehbuch beenden. Die Karten verurteilten nicht, sie spiegelten. Ich erkenne jetzt, wo ich aus meiner Sehnsucht heraus geliebt habe, nicht aus gegenseitiger Wahrheit. Ich nehme meine rosarote Brille ab, meine Projektion zurück und ehre mich für meine Fähigkeit zu fühlen. Ich löse mich von Illusionen und kehre in meine Klarheit zurück. Ich muss niemandem nachblicken, der mich nicht sehen will.

Als ich die Wohnung verließ, glitt die kühle Abendluft über mein Gesicht, und zum ersten Mal seit Langem hatte ich das Gefühl endlich klar zu sehen.




Verwendete Karten:

Romantic Tarot by Emanuela Signorina, Lo Scarabeo

Old Style Lenormand by Alexander Ray

The wheel of the year Tarot by Maria Caratti, Lo Scarabeo

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