Heute sprechen die Karten ein sehr sensibles Thema an. Es geht um eine Sucht, über die wenig gesprochen wird und doch weit verbreitet ist.
Es geht um die Sucht nach dem schlimmstmöglichen Ausgang.
Um dieses ständige Durchspielen von Was, wenn …?
Was, wenn etwas passiert?
Was, wenn er mich verlässt?
Was, wenn sie mich belügt?
Was, wenn ich meinen Arbeitsplatz verliere?
Was, wenn diese Beziehung zerbricht?
Was, wenn ich krank werde?
Was, wenn am Ende alles schiefgeht?
Wir nennen es vielleicht Vorsicht.
Wir nennen es Realismus.
Wir sagen vielleicht: „Ich will einfach vorbereitet sein.“
Doch manchmal ist es mehr als das.
Manchmal hat sich unser Denken daran gewöhnt, ständig nach der nächsten Katastrophe zu suchen.
Wir malen uns aus, was passieren könnte, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Und während wir glauben, uns damit auf das Leben vorzubereiten, verbringen wir einen Teil unseres Lebens damit, Dinge zu erleben, die gar nicht geschehen.
Denn unser Körper kann auf eine vorgestellte Gefahr reagieren, als wäre sie bereits Realität.
Das Herz schlägt schneller.
Der Körper spannt sich an.
Der Schlaf wird schlechter.
Wir werden unruhig.
Wir analysieren jedes Wort, jede Nachricht, jede Veränderung im Verhalten eines anderen Menschen.
Und plötzlich befinden wir uns nicht mehr im gegenwärtigen Moment.
Wir befinden uns in einer Zukunft, die wir selbst erschaffen haben.
Warum macht unser Gehirn das?
Weil dieser Mechanismus ursprünglich nicht gegen uns gerichtet ist.
Er will uns schützen.
Unser Gehirn liebt Vorhersagbarkeit. Wenn wir eine Gefahr frühzeitig erkennen können, haben wir möglicherweise mehr Möglichkeiten zu reagieren.
Und genau hier liegt der vermeintliche Gewinn des Worst-Case-Denkens:
Wenn ich das Schlimmste vorhersehe, kann ich mich darauf vorbereiten.
Wenn ich alle Möglichkeiten durchgespielt habe, kann mich nichts mehr überraschen.
Wenn ich bereits damit rechne, dass jemand mich enttäuscht, kann ich nicht mehr so tief verletzt werden.
Wenn ich damit rechne, dass etwas schiefgeht, kann ich mich vielleicht rechtzeitig schützen.
Wenn ich niemals vollkommen vertraue, kann ich auch nicht vollkommen überrascht werden.
Das Gehirn glaubt also:
Vorbereitung bedeutet Sicherheit.
Und vielleicht war diese Strategie einmal tatsächlich notwendig.
Das Kind
Wir sehen hier das Kind.
Und das ist ein wichtiger Teil dieser Geschichte.
Denn ein Kind braucht keine perfekte Welt.
Aber es braucht ein gewisses Maß an Verlässlichkeit.
Es muss erfahren können:
Wenn ich Angst habe, ist jemand da.
Wenn mir etwas versprochen wird, kann ich mich darauf verlassen.
Wenn ich einen Fehler mache, werde ich nicht plötzlich mit Liebesentzug oder Ablehnung bestraft.
Wenn ich nach Hause komme, weiß ich ungefähr, was mich erwartet.
Wenn das nicht gegeben ist, wenn Stimmungen wechseln, Situationen unberechenbar sind, Konflikte plötzlich entstehen oder ein Kind nie wirklich weiß, woran es ist, dann kann sein Nervensystem etwas lernen:
Ich muss aufpassen.
Ich darf nichts übersehen.
Ich muss frühzeitig erkennen, wenn Gefahr entsteht.
Und aus diesem kleinen Kind kann später ein Erwachsener werden, der noch immer versucht, die nächste Gefahr zu erkennen, bevor sie eintritt.
Nicht weil dieser Mensch schwach ist.
Nicht weil er grundsätzlich negativ denkt.
Und auch nicht, weil er sich bewusst dafür entschieden hätte.
Sondern weil sein System einmal gelernt hat:
Unvorbereitet zu sein kann gefährlich sein.
Kreuz und Bär
Das Kreuz und der Bär können hier auf eine schwere Prägung und auf den Einfluss einer starken Bezugsperson oder eines Elternteils hinweisen.
Vielleicht gab es einen Menschen, von dem Sicherheit erwartet wurde, der selbst aber nicht verlässlich Sicherheit geben konnte.
Vielleicht war Liebe mit Unberechenbarkeit verbunden.
Vielleicht musste das Kind die Stimmung eines Erwachsenen lesen, bevor es wusste, wie es sich selbst fühlen durfte.
Und vielleicht hat es damals gelernt, die Umgebung ständig zu beobachten.
Was passiert gerade?
Was könnte als Nächstes passieren?
Muss ich mich schützen?
Dieser Mechanismus verschwindet nicht automatisch, nur weil wir erwachsen werden.
Der Erwachsene weiß vielleicht längst:
Eigentlich ist doch alles in Ordnung.
Aber ein anderer Teil in ihm wartet noch immer darauf, dass etwas passiert.
Und deshalb kann es sein, dass wir als Erwachsene Situationen erleben, in denen objektiv noch gar nichts geschehen ist und unser Inneres trotzdem bereits Alarm schlägt.
Die 9 und die 10 der Schwerter
Dann sehen wir die 9 der Schwerter.
Die Gedanken.
Die Angst.
Die schlaflosen Nächte.
Die Szenarien, die sich immer weiter ausbreiten.
Und direkt daneben die 10 der Schwerter.
Hier liegt etwas Entscheidendes.
Denn manchmal ist die Angst vor dem Schlimmsten nicht völlig aus der Luft gegriffen.
Vielleicht ist das Schlimmste bereits einmal geschehen.
Vielleicht sogar wiederholt.
Vielleicht gab es tatsächlich Verrat.
Verlust.
Ablehnung.
Eine Erfahrung, in der wir einem Menschen vertraut haben und gerade dort verletzt wurden, wo wir Schutz erwartet hatten.
Das Bild der 10 der Schwerter trägt dieses Gefühl in sich:
Ich liege am Boden.
Ich bin völlig ausgeliefert.
Ich habe nicht kommen sehen, was passiert ist.
Und wenn ein Mensch so etwas erlebt hat, kann sein inneres System einen sehr verständlichen Entschluss fassen:
Das darf mir nie wieder passieren.
Und damit beginnt möglicherweise der Versuch, die Zukunft zu kontrollieren.
Die Katastrophe, die noch gar nicht passiert ist
Also beginnen wir vorauszudenken.
Wir analysieren Nachrichten.
Wir interpretieren Blicke.
Wir überlegen, was ein bestimmter Satz bedeuten könnte.
Wir sprechen mit unseren Freunden darüber.
Mit unserem Partner.
Mit Kollegen.
Wir erzählen immer wieder von dem, was möglicherweise passieren könnte.
„Was meinst du, könnte es sein, dass …?“
Und natürlich kann Austausch hilfreich sein.
Aber manchmal suchen wir gar keine wirkliche Lösung mehr.
Wir suchen Beruhigung.
Und kaum haben wir sie bekommen, taucht das nächste Was, wenn …? auf.
So hält sich die Schleife selbst am Leben.
Und das Entscheidende ist:
Die meisten dieser Szenarien werden nicht Realität.
Das bedeutet nicht, dass niemals etwas Schlimmes passiert.
Das Leben ist nicht kontrollierbar.
Aber ein Worst-Case-Szenario ist keine Vorhersage.
Es ist eine Möglichkeit.
Unser Gehirn behandelt diese Möglichkeit jedoch manchmal so, als müsse sie unbedingt verhindert werden.
Und genau dadurch halten wir den Alarm aufrecht.
Doch was kostet uns dieser Schutz?
Hier wird die Karte des Hauses wichtig.
Das Haus steht für Sicherheit, Geborgenheit und einen Ort, an dem wir uns aufgehoben fühlen.
Und vielleicht liegt die tiefere Aufgabe darin, Sicherheit nicht mehr ausschließlich außerhalb von uns zu suchen.
Denn wenn ich glaube, nur dann sicher zu sein, wenn ich alles vorhersehen kann, werde ich niemals wirklich zur Ruhe kommen.
Dann brauche ich die Kontrolle über Menschen.
Über Situationen.
Über mögliche Entwicklungen.
Über die Zukunft.
Aber die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren.
Und genau deshalb kann die eigentliche Reise darin bestehen, langsam eine andere Form von Sicherheit zu entwickeln:
die Erfahrung, dass ich mir selbst begegnen kann, auch wenn ich nicht weiß, was kommt.
Nicht:
„Mir wird niemals etwas passieren.“
Sondern:
„Ich weiß nicht, was passieren wird. Aber ich werde mich nicht mehr verlassen, nur weil das Leben unberechenbar ist.“
Und genau hier kommt der Wagen ins Spiel.
Der Wagen ist für mich in dieser Legung besonders wichtig.
Denn er bedeutet nicht nur Kontrolle.
Er bedeutet auch Bewegung.
Aufbruch.
Exploration.
Einen neuen Weg einschlagen.
Das Leben ausprobieren.
Und vielleicht zeigt uns diese Karte etwas sehr Entscheidendes:
Der Schutzmechanismus soll uns eigentlich vor Gefahr bewahren, aber irgendwann kann er uns auch vom Leben fernhalten.
Denn wenn das Gehirn bereits Alarm schlägt, bevor wir überhaupt losgehen, setzen wir uns vielleicht gar nicht erst in Bewegung.
Wir schreiben die Nachricht nicht.
Wir sprechen den Menschen nicht an.
Wir gehen nicht auf die Reise.
Wir bewerben uns nicht.
Wir verlassen die Beziehung nicht.
Wir beginnen nichts Neues
Wir vertrauen nicht.
Wir zeigen uns nicht.
Wir lassen uns nicht wirklich ein.
Wir fahren mit angezogener Handbremse.
Und vielleicht merken wir gar nicht, wie viele Erfahrungen uns dadurch entgehen.
Wie viele Begegnungen.
Wie viel Leichtigkeit.
Wie viel Freude.
Wie viele neue Wege.
Wie viele Menschen, die wir hätten kennenlernen können.
Wie viele Momente, in denen das Leben vielleicht ganz anders ausgegangen wäre als in unserer Vorstellung.
Denn unser Gehirn hat uns vor einer möglichen Gefahr geschützt.
Aber es hat uns dabei möglicherweise auch vor einer möglichen Schönheit geschützt.
Deshalb geht es nicht darum, einfach positiv zu denken.
Das wäre zu einfach.
Und für viele Menschen sogar verletzend.
Man kann ein Nervensystem nicht mit einem einzigen Satz umprogrammieren.
Nicht mit:
„Denk einfach positiv.“
Nicht mit:
„Diesmal wird bestimmt alles gut.“
Und auch nicht mit dem Versuch, niemals wieder Angst zu haben.
Denn wenn wir anfangen, uns für unsere Angst zu verurteilen, entsteht nur noch eine zweite Ebene des Kampfes:
Warum bin ich immer noch so?
Warum kann ich nicht einfach vertrauen?
Warum denke ich schon wieder das Schlimmste?
Doch genau hier brauchen wir Geduld.
Die 7 der Münzen
Die 7 der Münzen spricht für mich von einem Prozess.
Von etwas, das wachsen darf.
Langsam.
Mit Aufmerksamkeit.
Wir beginnen zunächst überhaupt zu erkennen:
Da ist diese Schleife.
Was, wenn …?
Was, wenn …?
Was, wenn …?
Und irgendwann erkennen wir:
Ich denke gerade nicht über ein Problem nach. Ich versuche gerade, eine Unsicherheit zu kontrollieren.
Ich bin nicht einfach ein Mensch, der immer negativ denkt. Ich habe gelernt, mich durch Vorausdenken zu schützen.
Mein Gehirn will mich möglicherweise nicht vor der Katastrophe schützen, sondern vor dem Gefühl, wieder hilflos zu sein.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Wir beginnen, unsere Gedanken zu beobachten.
Welche Geschichten erzähle ich mir?
Was befürchte ich wirklich?
Welche Erfahrung aus meiner Vergangenheit wird gerade berührt?
Und vielleicht die wichtigste Frage:
Was versucht dieser Gedanke für mich zu verhindern?
Vielleicht den Kontrollverlust.
Vielleicht das Gefühl, wieder hilflos zu sein.
Vielleicht die Angst, wieder jemandem zu vertrauen.
Vielleicht die Angst, wieder am Boden zu liegen.
Wenn wir das erkennen, müssen wir diesen Mechanismus nicht mehr bekämpfen.
Wir können beginnen, ihn zu würdigen.
Denn dieser Teil in uns wollte uns schützen.
Er hat nicht gegen uns gearbeitet.
Er hat für uns gearbeitet.
Mit den Mitteln, die ihm damals zur Verfügung standen.
Er wollte verhindern, dass wir noch einmal so überrascht, so hilflos oder so verletzt werden.
Und vielleicht darf unsere heutige Arbeit darin bestehen, diesem Teil zu sagen:
Ich verstehe, warum du das tust.
Ich weiß, dass du mich schützen möchtest.
Aber du musst nicht jede mögliche Katastrophe durchspielen, damit ich sicher bin.
Die 7 der Stäbe
Und trotzdem wird es Widerstand geben.
Denn sobald wir beginnen, anders zu handeln, kann unser Nervensystem Alarm schlagen.
Wir wollen einen neuen Weg gehen und plötzlich kommen all die alten Gedanken.
Was, wenn es schiefgeht?
Was, wenn ich mich irre?
Was, wenn ich wieder verletzt werde?
Und genau hier dürfen wir lernen, dass Angst nicht automatisch ein Zeichen dafür ist, dass wir auf dem falschen Weg sind.
Manchmal bedeutet Angst einfach:
Ich betrete etwas, das mein System noch nicht kennt.
Das kann sich gefährlich anfühlen, obwohl es nicht gefährlich sein muss.
Vielleicht besteht Heilung deshalb nicht darin, dass wir irgendwann niemals mehr Worst-Case-Szenarien haben.
Vielleicht besteht sie darin, dass wir ihnen nicht mehr automatisch folgen.
Dass wir einen Gedanken haben können, ohne daraus eine ganze Zukunft zu bauen.
Dass wir Angst empfinden können, ohne sofort handeln zu müssen.
Dass wir Unsicherheit aushalten lernen.
Und dass wir uns langsam wieder erlauben, loszufahren.
Denn am Ende geht es vielleicht gar nicht darum, die Zukunft sicher zu machen.
Das können wir nicht.
Es geht darum, uns selbst sicherer zu machen.
So sicher, dass wir nicht mehr jede mögliche Katastrophe vorher erleben müssen, um uns vorbereitet zu fühlen.
So sicher, dass wir sagen können:
Ich weiß nicht, was passieren wird.
Aber ich muss es nicht vorher durchleiden.
Ich darf losgehen.
Ich darf ausprobieren.
Ich darf neue Wege betreten.
Ich darf erleben, dass das Leben auch anders ausgehen kann als in meiner Angst.
Und wenn die alte Stimme wieder kommt und sagt:
„Aber was, wenn es schiefgeht?“
Dann müssen wir sie nicht zum Schweigen bringen.
Vielleicht genügt zunächst:
„Dann werde ich mich darum kümmern, wenn es soweit ist.“
Denn heute ist es noch nicht passiert.
Heute stehe ich hier.
Heute bin ich erwachsen.
Heute kann ich wählen.
Heute kann ich Grenzen setzen.
Heute kann ich Hilfe suchen.
Heute kann ich gehen.
Heute kann ich bleiben.
Heute kann ich neu entscheiden.
Und vor allem:
Heute muss ich nicht mehr das Kind sein, das jede Gefahr vorhersehen muss, um zu überleben.
Vielleicht darf dieses Kind in uns zum ersten Mal erfahren:
Du musst nicht mehr alles kontrollieren.
Du darfst leben.
Du darfst losfahren.
Die Handbremse darf sich langsam lösen.
Verwendete Karten:
Gilded Reverie Lenormand, Ciro Marchetti, U.S.Games Systems,Inc.
Gilded Tarot, Ciro Marchetti, Llewellyn. Books
The Divine Energy Oracle, Sonia Choquette, Hay House