Das Tor zur Traumzeit schließt sich
Das Tor zur Traumzeit schließt sich

Das Tor zur Traumzeit schließt sich

10.12.2023

Es war einmal ein junger Mann namens Markuss, der in einer kleinen Stadt lebte. Markuss war ein Tagträumer und hatte einen ausgeprägten Sinn für Geschichten und Fantasie. Zudem hatte er eine außergewöhnliche Gabe, denn er konnte sich heimlich in die Träume anderer Menschen einschleichen. Doch anstatt diese Fähigkeit für etwas Gutes zu nutzen, entschied er sich, sie ohne Rücksichtnahme auf die Privatsphäre anderer auszuleben.

Da er auch besonders gerne mit Worten spielte, fand er seinen Weg als Verkäufer von falschen Hoffnungen und Träumen.

Markuss hatte seine Fähigkeiten im Geschichtenerzählen perfektioniert und war in der Lage, Menschen in seinen Bann zu ziehen. Er wusste, wie er ihre tiefsten Sehnsüchte, Ängste und Hoffnungen ansprechen musste, um ihnen das zu verkaufen, was sie zu hören wünschten – auch wenn es nur eine Illusion war.

Obwohl er sich bewusst war, dass er falsche Hoffnungen schürte, zögerte er nicht, seine Gabe zu nutzen, um sich selbst davon zu nähren.

Markuss ritt stolz mit seinem Pferd von Ort zu Ort und in der Dämmerung des Morgens, als die Erde noch sanft eingehüllt in Magie und Schein war, bot er seine Dienste an. Manchmal schlich er sich auch regelrecht  in die Träume schlafender Menschen.

Er  pflegte ein nächtliches Ritual. Sobald die Welt in einen tiefen Schlaf gefallen war, begab er sich in einen meditativen Zustand und öffnete seine Sinne für die Traumwelten seiner Mitmenschen. Er konnte die Träume anderer erkennen und sich in diese hineinversetzen, als ob er dort wirklich präsent wäre. Oft nutzte Markuss diese Fähigkeit, um Menschen Schaden zuzufügen. Er tauchte in ihre Träume ein, verbreitete Angst und Unruhe, nur um sein eigenes fragiles Ego zu stärken. 

An anderen Tagen wiederum verkaufte er Geschichten vom reichen Onkel, der in weiter Ferne verstarb und den Menschen sein Vermögen hinterließ. Er versprach ihnen ein sorgenfreies Leben, gefüllt mit luxuriösen Abenteuern und dem Streben nach Erfolg. In Wirklichkeit gab es jedoch keinen reichen Onkel, keine Erbschaft und keine Glückssträhne, die auf sie wartete.

Die Menschen, die Markuss‘ Geschichten kauften, fanden vorübergehend Trost und Glück in seinen Worten. Sie träumten von einer besseren Zukunft und glaubten fest daran, dass sie ihre Träume erreichen könnten, solange sie nur hart genug daran glaubten. Markuss‘ Geschichten gaben ihnen den Mut, ihre realen Probleme vorübergehend zu vergessen.

Eines Nachts jedoch geschah etwas Seltsames. Als er sich in den Traum einer älteren Frau einschlich, fand er sich nicht wie gewohnt als störender Eindringling wieder, sondern als schwarz gekleideter Schatten, der verzweifelt versuchte, aus einem Labyrinth zu entkommen.

Das wiederholte sich Abend für Abend. Markuss fand sich in den Träumen verschiedener Menschen eingesperrt, immer in unterschiedlichen Labyrinthen gefangen. Die Endlosigkeit und Sinnlosigkeit dieser Träume begannen ihn zutiefst zu beunruhigen, bis er schließlich selbst an nicht aufhörenden, quälenden Alpträumen litt.  Als er schließlich erkannte, dass dies eine Folge seines eigenen ruchlosen Handelns war, wurde er von Schuldgefühlen überwältigt.

So stellte Markuss nach langer Zeit fest, dass er nicht nur falsche Hoffnungen verkaufte, sondern auch Menschen enttäuschte und sie in eine tiefe Krise stürzte. Diejenigen, die in seine Geschichten investierten, wurden von der bitteren Realität eingeholt. Ihre eigentlichen Probleme verschwanden nicht einfach, nur weil sie an Märchen glaubten. Markuss konnte nicht länger ignorieren, dass er Teil eines perfiden Spiels war, das dem Menschen einen Moment des Glücks verkaufte, um sie anschließend noch tiefer in die Verzweiflung zu stürzen.

Markuss geriet in einen Gewissenskonflikt. Er begann zu zweifeln, ob er weiterhin mit den Ängsten und Sehnsüchten der Menschen spielen sollte. Sein Herz wuchs schwer und er beschloss, einen anderen Weg einzuschlagen. Er wollte sein Talent nutzen, um wahre Geschichten zu erzählen, die den Menschen Mut machten, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen und nachhaltige Träume zu leben.

So begann Markuss, sein Verkaufstalent in eine positive Richtung zu lenken. Statt falsche Hoffnungen zu verkaufen, begann er von echten Erfolgsgeschichten zu berichten. Er las Biographien und interviewte Menschen, die Hindernisse überwunden und ihre Träume verwirklicht hatten. Markuss entdeckte, dass es viel befriedigender war, Menschen zu inspirieren, als sie mit falschen Versprechungen zu locken. Durch sein Umdenken wurde er zum wahren Geschichtenerzähler des Lebens. Er half den Menschen, ihre eigenen Geschichten zu schreiben, anstatt sie in einer Fantasiewelt gefangen zu halten.

Mit jeder positiver Tat spürte Markuss, wie sich seine eigene Dunkelheit erhellte und sein Gewissen erleichtert wurde. Er erkannte, dass er eine einzigartige Gabe hatte, die er nicht weiter für egoistische Zwecke missbrauchen durfte.

Von diesem Moment an nutzte Markuss seine Fähigkeit, in die Träume anderer einzudringen, um ihnen Licht in dunklen Zeiten zu bringen. Statt Rücksichtslosigkeit wählte er Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Jeder, dessen Traum er besuchte, fand nach und nach mehr Glück, Selbsterfüllung und Mut, um den Herausforderungen des Lebens zu begegnen.

Markuss hatte erkannt, dass die wahre Magie darin besteht, anderen zu helfen und ihren Träumen einen positiven Impuls zu geben. Er fand seinen Platz als Wächter der Träume und schützte sie vor den Schatten der Hoffnungslosigkeit. In den Herzen der Menschen lebte er weiter, als der Mann, der ihre Träume rettete und ihnen neuen Glauben an sich selbst schenkte.

Und so wurde Markuss zu einem Mann, der zwar früher von falschen Hoffnungen und Träumen gelebt hatte, aber letztlich zu einem Verfechter der Wahrheit und des Muts wurde. Er erkannte den Wert des ehrlichen Erzählens und fand seinen ganz eigenen Platz in dieser Welt voller Träumer und Suchender.

 

Verwendete Karten:

The Original Arthur Rackham Oracle by Duck Soup

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