Wir sehen hier einen noblen, gut aussehenden Geschäftsmann. Elegant, gepflegt, selbstbewusst, im feinen Anzug, bestimmt kein Teil von der Stange. Alles an ihm wirkt erfolgreich. Seine Geschäfte laufen dem Anschein nach mehr als gut. Er hinterlässt einen sehr zufriedenen Eindruck. Ein Mann mit Stil und hohen materiellen Werten. Man sieht ihm an, dass er stolz auf das ist, was er erreicht hat. Jemand, der sich leisten kann, von dem andere nicht mal zu träumen wagen.
Gutaussehend. Reich. Glücklich.
So schnell funktioniert unsere Wahrnehmung. Wir alle sehen die Welt durch unsere eigenen Filter. Blitzschnell ordnet unser Verstand ein, bewertet, zieht Schlüsse. Doch was, wenn dieser erste Eindruck nur ein Bruchteil der Wahrheit ist? Der Blick durch das kleine, leicht geöffnete Fenster der Karten nimmt uns diese Filter für einen Moment ab. Und plötzlich erkennen wir etwas, das uns vorher verborgen blieb: Seine Wahrheit.
Ein Mensch. So wie du und ich. Verletzlich. Mit Verpflichtungen. Bindungen. Träumen. Und einer tiefen Sehnsucht nach Freiheit. So widersprüchlich und komplex, dass es wahrscheinlich in seinem Inneren rumort und an seinen Kräften zehrt.
Denn während er äußerlich glänzt, steckt er innerlich fest in seiner bisherigen Vorstellung davon, was ein erfülltes Leben für ihn eigentlich ausmacht. Und genau daraus entsteht dieser Druck. Dieses leise, aber stetige Ziehen von innen.
In den Karten tauchen drei starke Symbole auf: Der goldene Käfig. Der Luxus. Und der Ring.
Sie erzählen von seinem äußeren Erfolg, vom materiellen Wohlstand, dem Komfort, dem sicheren Leben, das er sich aufgebaut hat. Doch der Vogel im Käfig ist nicht frei. Und der Ring, der oft für Bindung und Versprechen steht, erzählt in diesem Fall von einer Verpflichtung, die ihn bindet. Vielleicht ein altes Versprechen, vielleicht eine Rolle, in der er steckt – „Adel verpflichtet“, heißt es doch so schön. Und genau diese Haltung hält ihn (noch) zurück.
Der Ring glänzt wie ein Zeichen des Erfolgs und ist zugleich Symbol für die Last, die er trägt. Dann fällt unser Blick auf das kleine Fenster in Form eines Kleeblatts. Es lässt nicht viel Licht durch, bietet keinen großen Ausblick, aber seine Form wirkt tröstlich. Und durch dieses Fenster sehen wir mehr.
Die venezianische Lagune, das weite Meer, ein Hauch von Freiheit. Nicht weit davon ruht ein Schiff mit gesenkten Segeln. Es scheint zu warten; vielleicht auf ein neues Ziel, vielleicht auf den richtigen Moment.
Auf der Fensterbank liegen Karten, Briefe, Navigationshilfen. Eine Sanduhr misst leise die Zeit. Und dort, neben einem alten Seekompass, liegt ein Sternenfänger. Ein Astrolabium, das einst dazu diente, die Bewegung der Himmelskörper zu deuten. Alles in diesem Raum erzählt von einem Menschen, der nach Orientierung sucht, vielleicht draußen auf dem Meer, vielleicht in sich selbst. Vielleicht hat er das Gefühl, dass ihm die Zeit entgleitet und er nicht wirklich lebt.
Weitere Karten aus dem Tarot zeigen „den Gehängten“. Er hängt fest, ja, aber es ist keine Sackgasse. Es ist die Zeit, in der sich gefühlt im Außen einfach gar nichts tut und wir nur mit einer neuen Sichtweise wieder in Bewegung kommen. Eine Zeit, in der er vielleicht nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder seinen eigenen Herzschlag spürt. Und das alte Korsett, das ihn so lange gehalten hat, beginnt sich zu eng anzufühlen.
Mit der Karte der Mäßigkeit wird ihm etwas Entscheidendes bewusst. Es geht nicht um entweder oder, sondern um sowohl als auch. Sollte es möglich sein, Autonomie und Bindung, Pflicht und Individualität, Freiheit und Sicherheit miteinander zu verbinden?
Es muss nicht alles weg, was war. Aber es darf sich etwas verändern.
Und dann liegt da die Karte „die Wege“.
Ein Zeichen. Ein Wendepunkt in seinem Leben ist erreicht. Auf dieser Karte sehen wir eine Gondel, die im Dämmerlicht unter einer Brücke hindurch gleitet. Der Weg ist nicht vollständig sichtbar, aber er ist da und etwas kommt wieder ins Fließen. Noch ist keine Entscheidung gefallen. Aber man ahnt, dass er sich ernsthaft auf seinen nächsten Schritt vorbereiten wird. Keine impulsive Reaktion, sondern ein bewusster Schritt in Richtung Veränderung. Was genau es wird, wohin ihn sein Weg führt, das bleibt offen. Aber eins ist sicher: Etwas in ihm ist in Bewegung geraten.
Verwendete Karten:
Fin de Siècle Kipper, Ciro Marchetti, U.S. Games Systems, Inc.
The Light Seer’s Tarot, Chris-Anne, Hay House
The Venetian Lenormand Oracle, Eugene Vinitski, Eigenverlag (Indie Deck)