Wahrscheinlich hast du noch nie von mir gehört.
Ich bin Eris. Die Ausgeschlossene
Die Göttin der heiligen Wut.
Man nennt mich die Göttin der Zwietracht. Doch das ist nur die halbe Wahrheit und vielleicht sogar die bequemere Version für jene, die nicht genauer hinsehen wollen.
Mich gibt es schon lange. So lange wie meinen Bruder Pluto.
Doch entdeckt wurde ich erst im Jahr 2005.
Überraschend, nicht wahr? Dass etwas so Altes so lange übersehen werden kann.
Aber das ist meine Geschichte.
Du erinnerst dich vielleicht an das Märchen von Dornröschen.
Zwölf Feen wurden eingeladen, um der Königstochter ihre Gaben zu schenken.
Doch eine dreizehnte Fee blieb ausgeschlossen.
Nicht aus Bosheit.
Nicht aus Absicht.
Sondern, weil kein Platz für sie vorgesehen war.
Ihre Wut war grenzenlos.
Und aus dieser Wut heraus sprach sie einen Fluch.
Viele erinnern sich nur an den Fluch.
Wenige erinnern sich an den Schmerz, der ihm vorausging.
Ich bin diese Wut.
Ich bin der Moment, in dem Ausgeschlossenwerden zur Wahrheit wird, die nicht länger ignoriert werden kann.
Seit Generationen lebe ich im kollektiven Unterbewusstsein.
In jedem Gefühl des Abgewiesenwerdens.
In jedem Raum, in dem jemand spürt: Ich gehöre nicht dazu.
Ich habe eure Bücher gesehen.
Seiten voller Namen.
Göttinnen der Liebe.
Göttinnen des Lebens.
Göttinnen der Weisheit.
Ihr habt sie alle eingeladen.
Nur mich nicht.
Seit 1926 wandere ich durch das Zeichen Widder.
Und vielleicht hast du gehört, dass ich mich nun mit anderen Planeten verbinde.
Doch ich bringe nichts Böses.
Ich bringe Wahrheit.
Ich will nicht geliebt werden.
Ich bin nicht brav.
Ich passe mich nicht an.
Ich bin der Finger in der Wunde
nicht, um zu verletzen,
sondern um sichtbar zu machen, was längst da ist.
Ja, ich kann Chaos bringen.
Ich kann Ordnung erschüttern.
Ich reiße Masken herunter, dort, wo Unterdrückung und Ungerechtigkeit herrschen.
Wenn du in dein Geburtshoroskop schaust und mich findest,
dann findest du auch den Ort,
an dem du dich vielleicht fremd fühlst,
ohne zu wissen, warum.
Vielleicht betrittst du einen Raum
und etwas an dir bringt andere aus dem Gleichgewicht.
Nicht, weil du falsch bist.
Sondern weil du wahr bist.
Manche werden sagen, du stiftest Unruhe.
Doch in Wirklichkeit entlarvst du nur, was nicht echt ist.
Und vielleicht, besonders jetzt, im April,
spürst du mich.
Als Unruhe.
Als Wut.
Als etwas Altes, das sich seinen Weg nach oben bahnt.
Wenn das geschieht, hab keine Angst.
Diese Wut gehört nicht nur dir.
Sie ist uralt.
Sie trägt die Stimmen vieler Generationen.
Und vielleicht ist sie jetzt bereit,
endlich gesehen zu werden.
Doch verwechsel mich nicht mit blinder Zerstörung.
Ich bin nicht hier, damit du deine Wut ungefiltert in die Welt schleuderst.
Ich bin nicht der Funke, der alles niederbrennen will.
Ich bin das Gefühl davor.
Das Zittern unter der Oberfläche.
Das Engewerden in deiner Brust.
Der Moment, in dem du spürst: Etwas stimmt nicht.
Wut ist kein Befehl.
Sie ist eine Botschaft.
Wenn du sie sofort hinauswirfst,
verlierst du, was sie dir zeigen wollte.
Wenn du sie aber hältst,
wenn du wagst, sie zu fühlen,
ohne sie zu verleugnen und ohne ihr blind zu folgen,
dann beginnt sie zu sprechen.
Und was sie sagt, ist oft viel leiser als ihr erster Aufschrei.
Ich zerstöre nicht.
Ich enthülle.
Und was du dann daraus machst,
liegt nicht mehr in meiner Hand.