Leder, Alkohol, Ekstase und das Nichts
Leder, Alkohol, Ekstase und das Nichts

Leder, Alkohol, Ekstase und das Nichts

25.07.

Es begann mit einem Geruch.
Leder. Wachs. Seile. Haut.
Nicht unbedingt in dieser Reihenfolge, aber immer gemeinsam.

Der Club war diskret, irgendwo in einem umgebauten Lagerhaus in der Nähe des Hafens. Keine Werbung. Kein Namensschild.
Drinnen: Samtvorhänge, gedämpftes, Licht, Stimmen wie dunkle Ströme, die Musik von Rammstein, nicht zu laut, nicht zu leise.  

Die Regeln: klar. Die Rollen: verteilt. Jeder wusste, was er war.  Oder dachte es zumindest. Der Raum atmete.
Nicht mit Luft, sondern mit Lust, Schweiß, Erwartung.
An der Bar: dunkler Rum, scharfer Gin, klebriger Wodka, alles in schweren Gläsern.
Malik trank. Alle tranken. Trinken war Teil des Spiels.
So, als würde man erst mit genügend Alkohol die Rollen vergessen, oder überhaupt aushalten.

„Du kannst nicht führen, wenn du nüchtern bist.“, sagte einer mal.
Und Malik glaubte es.

Denn mit jeder Runde wurde die Welt runder, kontrollierbarer, seine Hände mutiger, fester, härter.
Der Alkohol nahm den Zweifel.
Und die Musik von Rammstein  ließ das Blut in Wallung bringen.

„Ich will.“ – „Ich tu dir weh.“ – „Bück dich.“

Die Texte waren keine Songs mehr, sondern Befehle an den Körper.
Körper, Handschellen, Bondageseile, Stimmen,
bis du nichts mehr warst als ein Geräusch in deinem eigenen Fleisch.

Malik war ein Meister.
Ein Dom.
Ein Schattenkönig mit Peitsche, Blick und Stil.
Er konnte jede faltenlose Oberfläche zu einem Ort der Lust machen.
Er kannte den Punkt zwischen Schmerz und Ekstase, wo der Körper plötzlich nur noch vibrierte.

Und doch mit jeder Nacht, mit jeder Flasche, mit jeder gestöhnten Unterwerfung, verblasste etwas in ihm.

Eines Nachts war es besonders deutlich.
Sie hieß Eva. Sie war schön, hungrig, hingebungsvoll.
Er trank vorher zwei Gläser Wodka,  sprach mit tiefer Stimme, gab klare Kommandos.
Sie bebte, stöhnte, weinte.

Er tat alles richtig.
Und fühlte: nichts.

Später, als alle gingen, blieb er noch lange sitzen.
Zwei Doms lachten über „eine kleine Neue“.
Jemand mixte sich Rum mit Energy.
Rammstein lief weiter.

Manchmal, in den seltenen Momenten, wo kein Spiel lief, wenn der Club leiser wurde, sah er sie,
die leeren Blicke hinter den Masken.

Submissive, die nur noch auf Ansage atmeten.
Doms, die mehr tranken als führten.
Und sich selbst  ein Mann mit einem Gürtel und einer Geschichte, die niemand kannte.

Er versuchte, es zurückzuholen.
Härter. Schneller.
Mehr Macht, mehr Alkohol, mehr Performance.

Doch selbst als M. mit einer Gehrte über ihren  Rücken entlang fuhr, das Gesicht verborgen unter fallenden Haaren, die Hände nach vorn gefesselt..

Er sie zittern, schreien, flehen ließ, präzise zwischen Lust und Schmerz, bebend, mit Applaus von den anderen, spürte er nur:
Nichts.

Kein Funke.
Kein Feuer.
Nur der Nachgeschmack von billigem Rum und die Ahnung, dass dies alles nichts mit Nähe zu tun hatte.

„Ich kann nur noch ficken, wenn ich sie breche.
Ich kann nur noch kommen, wenn ich Macht spüre.
Ich kann nur noch leben, wenn es knallt.“

Er schrieb diesen Satz auf einen Bierdeckel.
Las ihn am nächsten Morgen. Und fühlte, wie etwas in ihm zu Ende ging.

Malik verließ den Club, ohne Maske, ohne Abschied.
Er ließ die Peitsche da.
Er nahm nur sich selbst mit
und den letzten bitteren Schluck aus einem Glas, das längst leer war.

Draußen war es kalt.
Nicht bedrohlich, aber auch nicht einladend.
Nur nüchtern. Klar. Still.

Ein Hund bellte. Ein Bus fuhr vorbei. Er ging weiter, langsam.
Kein Ziel. Kein Plan. Nur Schritte. Nur Atem. Nur sich selbst.

Ein Mann, der geglaubt hatte, Kontrolle zu sein  und sich selbst irgendwann zwischen Reiz und Leere verlor.




Inspiriert durch die Karten des Modern Spellcasters Tarot by Melanie Marquis and Scott Murphy

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