Das Licht fiel in bunten Bahnen durch das große Kirchenfenster im Tiffanystil.
Rot, Blau, Bernstein und Grün legten sich wie flüssige Farben über den Marmorboden, dessen Fliesenmuster kühl und präzise gezogen war. Alles war hell erleuchtet, nicht grell, sondern still, fast ehrfürchtig.
Inmitten dieses Lichts saß der Händler.
Seine Kleidung war kostbar, edel gearbeitet, jeder Stoff sorgfältig gewählt. Ein Mantel aus schwerem Tuch, feine Stiefel, ein Ring an der Hand. Zeichen eines Lebens, das er sich aufgebaut hatte.
Doch er sah sie nicht mehr.
Er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Die Schultern leicht nach vorn gefallen.
Neben ihm auf dem Boden stand eine Laterne, deren warmes Leuchten sich im Marmor spiegelte, als würde sie versuchen, etwas in ihm wachzuhalten, das gerade zu verlöschen drohte.
Er dachte an all die Jahre des Sammelns.
Nicht nur Geld. Auch Verträge. Versprechen. Siege. Niederlagen.
Er hatte gelernt, beständig zu arbeiten. Zielstrebig. Diszipliniert.
Er hatte sich gemessen mit anderen, hatte sich behauptet, hatte gekämpft, manchmal offen, manchmal leise.
Und er hatte gewonnen. Er hatte sich einen nicht zu verachteten Status erarbeitet.
Zumindest auf dem Papier.
Doch nun saß er hier, reich an Besitz, arm an Gewissheit.
Was macht mich wirklich glücklich?
Die Frage tauchte auf, ohne Vorwarnung.
Er ließ die Hände langsam über sein Gesicht gleiten, als wollte er etwas abstreifen, das sich dort festgesetzt hatte.
Und wann habe ich zuletzt Glück daraus gezogen, andere glücklich zu machen? Wann habe ich zuletzt jemanden ein Lächeln ins Gesicht gezaubert?
Er erinnerte sich daran, wie es einmal gewesen war, Dinge wachsen zu sehen. Ein Projekt, eine Idee, vielleicht sogar einen Menschen.
Damals hatte ihn das erfüllt. Nicht das Anhäufen. Nicht das Verteidigen. Sondern das gemeinsame Vorankommen, das Miteinander, das Teilen der Freude, die gemeinsame Zeit, das Lachen.
Heute verteidigte er vor allem Positionen.
Seinen Wohlstand. Seine Ersparnisse. Seinen Platz.
Vielleicht war es damals zerbrochen in einer Zusammenarbeit, die schiefgelaufen war.
Vielleicht hatte jemand ihn verraten.
Vielleicht war er selbst derjenige gewesen, der zu viel wollte und nicht immer ganz fair war.
Die Erinnerung war unscharf.
Nur das Ergebnis war klar.
Er hatte gelernt, alles allein zu tragen.
Die Last hatte sich über die Jahre verfestigt, als wäre sie Teil seiner Identität geworden. Alles wie in Stein gemeißelt.
Er hatte geglaubt, das müsse so sein. Dass Stärke bedeute, nichts abzugeben.
Dass Sicherheit daraus entstehe, immer mehr zu sammeln.
Doch während das farbige Licht der Fenster über seine Hände wanderte, begriff er:
Er hatte vieles erreicht, aber dabei etwas Entscheidendes verloren.
Eine Verbindung.
Eine Wärme.
Vielleicht sogar eine Liebe, die ihm all das geschenkt hätte, wonach er insgeheim gesucht hatte.
Die Laterne flackerte leicht.
Er hob den Kopf nicht.
Aber etwas in ihm begann sich zu bewegen; leise, vorsichtig, wie ein erster Gedanke nach langer Stille.
Verwendete Karten:
Vice Versa Tarot, Massimiliano Filadoro & Lunaea Weatherstone, Illustrationen von Davide Corsi, Lo Scarabeo Verlag
The Gilded Tarot, Ciro Marchetti, Llewellyn Publications