Verirrt
Verirrt

Verirrt

Verriirt in den Ruinen der Vergangenehit
29.03.2026

Es begann in den Ruinen der Vergangenheit.
Dort, wo alte Geschichten wie Staub in der Luft hängen und Wege sich verzweigen, bis man nicht mehr weiß, welchen man einst gewählt hat.

Sie hatte sich dorthin verirrt, ohne es zu merken.
Nicht, weil sie zurück wollte, sondern weil ein Teil von ihr glaubte, dort noch etwas zu finden.
Etwas, das vielleicht nie wirklich da gewesen war.
Dort verlor sie sich.
Nicht plötzlich, sondern Schritt für Schritt, fast unmerklich.

Und während sie noch glaubte, sich frei zu bewegen, hatte die Geschichte längst begonnen, sich um sie zu schließen.

Am Anfang stand Einigkeit. Drei Kelche, erhoben in Leichtigkeit. Ein stilles Versprechen. Nichts Ernstes, nichts Bleibendes. Nur ein Spiel, ein kurzer Tanz außerhalb der gewohnten Ordnung. Worte wurden gesprochen, klar, fast nüchtern, geprüft vom Verstand, ausbalanciert von Mäßigung.

Man war sich einig.
Zumindest glaubte man das.

Doch der Mond sieht, was sich dem Verstand entzieht.

Er legte sich wie ein Schleier über die Begegnung, weich und trügerisch. Unter seinem Licht wurde alles sanfter, offener, verführerischer. Worte bekamen eine zweite Bedeutung, Blicke hielten einen Moment zu lang.

Und unter seinem Licht begann etwas zu wachsen, das sich nicht mehr einordnen ließ.

Sie begegneten sich mit offenen Herzen, fast wie zwei Menschen am Anfang einer Liebesgeschichte, und doch mit dem festen Willen, unabhängig zu bleiben. Als gäbe es keine Vergangenheit, keine Bindung, keine Konsequenzen.

Doch der Mond sieht, was verborgen bleibt.
Und er wusste es längst.

Gefühle lassen sich nicht verhandeln.

Er war ein Mann des Verstandes.
Ein König der Schwerter.

Klar, präzise, kontrolliert. Einer, der dachte, er könne alles lenken. Auch das, was im Verborgenen wächst. Er öffnete sich nur in kleinen Dosen, genau bemessen. Gerade genug, um Nähe zu erzeugen. Nie genug, um sich selbst zu verlieren.

Denn sein Leben war gebaut.
Gefestigt. Verankert.

An seiner Seite war bereits eine Königin der Schwerter. Gemeinsam hatten sie etwas geschaffen. Stabilität, Tradition, Struktur, vielleicht Wohlstand, vielleicht eine gemeinsame Wohnung. Vielleicht ein ganzes Leben. Sie funktionierten, organisierten, entschieden, hielten alles aufrecht. Man sprach über Notwendigkeiten, über Abläufe, über das, was getan werden musste.

Nur nicht mehr über das, was innerlich berührte, was schmerzte. Nicht über das, was fehlte.  Es war eine Gemeinschaft, die Bestand hatte.

Zehn Münzen schwer wog dieses Fundament. Und er war nicht bereit, es zu riskieren.
Nicht für ein Gefühl.

Was zwischen ihnen entstand, hatte dennoch Gewicht.
Doch es wuchs auf einem Mangel.

Fünf Münzen im Schatten.

Es fehlte nicht an Worten, sondern an Wahrheit. An dem, was unausgesprochen blieb. An dem, was man nicht sehen wollte.

Und doch hielten beide an ihrer jeweiligen Wahrheit fest.
Er an dem Leben, das er sich aufgebaut hatte.
Sie an dem Gefühl, das zwischen ihnen gewachsen war.

Wie der Magier, der aus wenig etwas formt, das größer wirkt, als es ist. Wie Hände, die fest um etwas geschlossen bleiben, aus Angst, es könnte sonst verschwinden.

Vielleicht war es genau das.

Beide hielten fest. An Bildern, an Rollen, an Sicherheiten. Nicht, weil sie noch lebendig waren, sondern weil der Gedanke an Verlust schwerer wog als die Wahrheit der Leere. Was sie festhielten, hatte längst an Wert verloren.
Doch das Eingeständnis hätte bedeutet, loszulassen.

Und das konnte keiner von beiden.

Am Ende blieb sie zurück.

Eine Königin der Kelche.
Offen. Fühlend. Ehrlich in dem, was sie empfand.
Und genau darin verletzlich.

Er ging nicht wirklich, denn ganz da gewesen war er nie. 

Doch was blieb, war Leere. Kein Halt. Kein Fundament.  Keine Antwort auf das, was in ihr gewachsen war.

Sie stand im Regen ihrer eigenen Gefühle.

Und irgendwo in ihr lebte noch ein leiser Gedanke, kaum greifbar.
Vielleicht…… hätte es anders sein können.

Ein Stern, halb verdeckt. Zwei Schwerter, die sich still gegenüberstehen.
Kein Kampf mehr. Nur ein Zustand, der noch keinen Frieden kennt.

So machte sie sich eines Nachts auf den Weg.
Zum Tempel der Wahrheit.

Nicht aus Hoffnung, sondern aus Notwendigkeit.

Dort, zwischen Stille und Klarheit, wurde ihr gezeigt, was gewesen war. Nicht als Urteil, sondern als Ganzes.

Es gab keinen Verrat.
Keine Lüge, die bewusst gesprochen wurde.
Kein Verlassen im eigentlichen Sinne.

Was zwischen ihnen lag, war dichter als Schuld.                                       

 Eine Täuschung.

Ein Nebel, geboren aus Wunsch und Angst, aus Verstand und Gefühl.

Zwei Menschen.
Der eine ein wenig zu sehr im Denken.
Der andere ein wenig zu tief im Fühlen.

Und irgendwo dazwischen:
Eine Geschichte, die nie werden konnte, was sie für einen Moment zu sein schien.

Als sie den Tempel verließ, war nichts zurückgekehrt. Aber etwas war klar geworden.                                                                           

Und manchmal ist Klarheit der einzige Weg hinaus aus den Ruinen.



Verwendete Karten:

Gilded Tarot, Ciro Marchetti, Llewellyn Publications                                   

 Seelenreich, Impulse und Botschaften aus der Matrix deines Seins, Christine Arana Fader, Schirner Verlag

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