Clara – Die Stimme im Schatten
Clara – Die Stimme im Schatten

Clara – Die Stimme im Schatten

 

Eine venezianische Legende aus längst vergangener Zeit

Niemand wusste, woher sie kam.
Nur dass sie da war – eines Tages, ganz plötzlich.
Man flüsterte in den stillen Gassen Venedigs:

„Die mit der Maske sieht mehr, als du zeigen willst.

Sie nannte sich Clara.

Jung, mit klaren Augen,
die durch das Gold ihrer Maske wie durch Schleier blickten.
Ihr Gesicht war nie ganz zu sehen.
Nicht aus Angst –
sondern aus Achtung vor den Geschichten,
die sich in ihr spiegelten.

Sie lebte zurückgezogen in einem kleinen Haus,
zwischen Kanälen und Höfen,
fern vom Trubel der Plätze.

Dorthin kamen sie zu ihr:
Frauen mit Liebeszweifeln,
alte Männer mit Fragen ans Jenseits,
junge Händler mit Hoffnung,
und manchmal – sehr heimlich –
auch Adelige mit dunklen Absichten.

Clara sprach nicht viel.
Aber wenn sie sprach,
schien die Zeit stillzustehen.
Sie legte keine Karten wie die anderen –
sie legte Stille.
Und dann ein einziges Wort,
das traf.
Oder ein Schweigen, das alles sagte.

Sie suchte keinen Ruhm.
Nur Gerechtigkeit für jene,
die nie gefragt wurden.

Einmal kam ein junger Mann,
aus gutem Haus, mit gesenktem Blick.
Sein Herz war gebunden –
an jemanden, den er nicht lieben durfte.
Nicht in dieser Welt,
nicht mit dem Namen, den er trug.

Clara hörte lange zu.
Dann legte sie eine einzelne Karte.
Und sagte nur: 

„Dein Herz ist nicht falsch. Es ist nur zu wahr für eine Welt, die sich noch versteckt.“

Er verließ sie wortlos, aber aufrechter als er gekommen war.

Dann – eines Tages – war sie fort.

Ihr Haus stand leer.
Die Karten lagen noch auf dem Tisch,
ein altes Seidentuch über dem Stuhl.
Keine Spur von Gewalt.
Kein Abschied. Kein Brief.

Manche sagten, sie sei geflohen.
Andere, sie sei gerufen worden –
von einer Macht,
die größer ist als diese Stadt.

Aber in manchen Nächten,
wenn der Nebel tief hängt
und die Gondeln lautlos gleiten,
sieht man in einem oberen Fenster ein Licht.

Und die Alten flüstern:

„Wer ihr begegnet, wird gesehen.“ „Und wer gesehen wird, kann sich selbst nicht länger verleugnen.“

Und wenn man ganz genau hinhört,

meinen manche,
eine Stimme zu hören,
die nicht urteilt,
sondern einfach sagt:

„Du weißt es längst.“

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