Die Frau am Fenster
Die Frau am Fenster

Die Frau am Fenster

8.7.

Es war einer der letzten warmen Sommertage im September. Leila stand am Fenster ihrer modern eingerichteten Wohnung mit dem weiten Blick auf den Hafen von Barcelona. Die untergehende Sonne tauchte das Wasser in flirrendes Gold, und die Segelboote wiegten sich sanft im Rhythmus der Gezeiten.

Sie war eine Frau, die sich selbst genoss. Freiheitsliebend, klug, mit einer leichten Eleganz, die nicht zur Schau gestellt, sondern einfach da war. Ihr Blick aber verlor sich. Nicht bei den Booten. Nicht am Horizont. Sondern in einem inneren Raum, den nur sie kannte.

In solchen Momenten trat sie oft ans Fenster. Wenn das Leben zu viel wurde. Oder zu wenig. Wenn sie spürte, dass etwas sich rühren wollte in ihr, aber noch keinen Namen trug. Es war wie ein Flüstern unter der Haut. Eine Ahnung, dass das, was sie lebte, nicht das Ganze war.

Sie war Lehrerin. Geschätzt von ihren Schülern, anerkannt von ihren Kollegen. Ihre Stimme konnte streng sein, aber auch tröstlich. Ihr Mann Marc war unterwegs, wie so oft in letzter Zeit. Ein ruhiger, solider Mann. Verbindlich, aufmerksam. Ihre Beziehung war gefestigt. Kein Drama, keine Höhenflüge mehr. Sie lachten, wenn sie essen gingen. Reisten viel. Teilten ein Leben, das von außen betrachtet vollkommen wirkte

Und doch.

Da war etwas in ihr, das sich entzog. Eine Unruhe, eine Sehnsucht, die sich nicht benennen ließ. Sie war wie ein Gast, der nicht gehen wollte. Leise, aber hartnäckig.

Was willst du eigentlich?, fragte eine Stimme in ihr. Kritisch. Herausfordernd.

Du hast doch alles.

Aber etwas in Leila wusste: Dieses „Alles“ reichte nicht.

Sie sah hinaus auf die schaukelnden Masten der Boote. Stell dir vor, du gehst. Wohin würdest du fahren? Und vor allem: Wer wärst du dort?

Es war Zeit, nach draußen zu gehen. Ein Spaziergang am Wasser entlang, das war es, was sie jetzt brauchte. Leila schnappte sich ihre Sonnenbrille und verließ die Wohnung. Die Luft war lau, der Himmel klar.

Ihr Weg führte sie durch die alten Gassen der Altstadt, verwinkelt wie ein Labyrinth, durchzogen von Licht und Schatten. Jeder Schritt schien Fragen aufzuwerfen, statt Antworten zu geben. Doch sie ließ sich treiben, folgte keiner Richtung, sondern nur dem Gefühl von Bewegung.

Schließlich erreichte sie das Meer. Das Licht war inzwischen weicher geworden, die Menschen um sie herum wirkten langsamer, friedlicher.

Was sie nicht ahnte: Heute würde sie jemandem begegnen, der in ihr etwas zum Klingen brachte. Kein Bekannter. Kein Zufall. Sondern ein Moment, der einen Abdruck hinterlassen würde.

Jemand, der ebenfalls suchte. Jemand, der anders erinnerte.

Und vielleicht jemand, der einen Teil von ihr sah, den nicht einmal sie selbst kannte.

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