Kein Besuch der alten Dame, nur ein Fuchs mit Blumen
Kein Besuch der alten Dame, nur ein Fuchs mit Blumen

Kein Besuch der alten Dame, nur ein Fuchs mit Blumen

28.07.2025

Ein Märchen darüber, wie die Wahrheit sich ihren Weg bahnt durch das Dickicht aus Geld, Korruption und vergessener Moral.

Es war einmal ein Land, das in tiefer Stille lag. Die Felder waren karg, die Brunnen fast leer, und in den Augen der Menschen wohnten Müdigkeit und Erwartung. Sie sprachen nur noch in Floskeln, lachten selten, und das Wort „Zukunft“ war aus den Häusern verschwunden.

Die Menschen waren innerlich leer geworden, so leer, dass sie vergaßen, was richtig und falsch war.
Man musste ihnen nur genug Geld anbieten, ein Versprechen machen, ein glänzendes Versprechen  und sie waren bereit, zu lügen, zu verleugnen, zu manipulieren.
Sie glaubten, sie könnten gewinnen  und merkten nicht, dass sie selbst einen hohen Preis zahlten.
Denn das, was sie verloren hatten, war nicht sichtbar, aber es fehlte ihnen mit jedem Tag mehr.

Hoch oben auf einem Hügel stand ein Schloss, alt, still, bewacht von einer Herrscherin, die nie aus der Ruhe geriet.
Man sagte, sie besitze eine Zugbrücke, die sie nur senkte, wenn jemand mit der Wahrheit im Herzen kam.
Und niemand, so hieß es, hatte diese Brücke seit vielen Jahren überquert.

Eines Tages rollte ein Wagen durch das Tal, schnell, glänzend, mit goldenen Rädern und seidener Decke. Darin saß ein alter Fuchs. Elegant, listig, mit einem Blumenstrauß im Maul und einer Geschichte auf der Zunge. Neben ihm lag ein versiegeltes Buch.

Er sprach zu den Menschen:

„Ich bringe euch ein Geschenk. Ein Angebot, wie ihr es noch nie hattet. Alles wird besser, wenn ihr nur tut, was ich sage.“

Die Menschen lauschten. Wieder.
Sie witterten einen Gewinn. Wogen nicht ab, fragten nicht nach.
Sie erinnerten sich nicht mehr an das letzte Mal, als sie so verführt worden waren. Doch da trat ein Mädchen mit klarem Blick aus der Menge. Ihre Stimme war ruhig, fast heiter:

„Und was steht in dem Buch, das du nicht öffnen willst?“

Der Fuchs lachte. Ach, nur alte Geschichten. Dinge, die keiner mehr braucht.

Das Mädchen, ihr Name war Floria lächelte.

Dann trag dein Geschenk den Berg hinauf. Und öffne das Buch an der Zugbrücke. Nur so kommst du durch.

Der Fuchs zögerte. Doch etwas trieb ihn. Vielleicht war es das Echo früherer Lügen.
Vielleicht das Kind in ihm, das selbst einmal nicht gesehen worden war.

Er fuhr den Hügel hinauf, erreichte die Brücke und da stand die Herrscherin.
Nicht zornig. Nicht misstrauisch. Nur still.

„Was bringst du mir?“ fragte sie.

Der Fuchs legte die Blumen nieder. Und öffnete das Buch.

Darin stand ein einziger Satz:

Ich habe geschwiegen  aus Angst, aus Schuld, aus Eigensinn.

Die Herrscherin nickte.

Dann darfst du über die Brücke gehen. Nicht um zu bleiben, sondern um zu sagen, was gesagt werden muss.

Der Fuchs trat über die Brücke, das erste Mal mit leeren Pfoten.

Und er sprach. Nicht schön, nicht sauber. Aber wahr.

Die Menschen hielten den Atem an.
Es war nicht angenehm. Es war nicht heldenhaft.
Aber als die Wahrheit ausgesprochen war, fiel etwas ab, wie eine Rinde, die zu lange geklebt hatte.

Und in diesem Moment wusste jeder:

Die Lüge war ein Mantel gewesen, schwer und falsch. Aber die Wahrheit war Befreiung.

So kam sie zurück in das Land, nicht durch Gold, nicht durch Macht, sondern durch drei kleine Worte, die lange gefehlt hatten:
„Es war so.“

Und von da an war die Brücke wieder zu sehen, nicht für alle, aber für jene, die wagten, ehrlich zu werden.




Verwendete Karten:

Gilded Reverie Lenormand, by Ciro Marchetti

Tarot Illuminati by Kim Huggens, Erik C. Dunne

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