Der Sinn des unvollkommenen Ideals
Der Sinn des unvollkommenen Ideals

Der Sinn des unvollkommenen Ideals

16.02.2026

Draußen sinkt die Dämmerung, und während der Blick in die tanzenden Flammen oder in die Dunkelheit gleitet, breitet sich die Landschaft des eigenen Lebens vor dem inneren Auge aus. Da sind sie alle wieder. Die Gesichter, die Stimmen, das Lachen und das Schweigen.

Es ist eine lange Reise durch ein Geflecht aus Begegnungen. Manche Namen sind im Laufe der Zeit verblasst und schließlich ganz vergessen worden, während andere sich so tief eingebrannt haben, dass man sie wohl nie vergessen wird. Es gab diese flüchtigen Momente, die nur einen einzigen Tag dauerten, aber deren Echo in der Erinnerung niemals verblasst. Fremde wurden in einer einzigen, durchwachten Nacht zu engsten Vertrauten, während Freunde, mit denen man einst alles teilte, langsam zu Fremden wurden, deren Wege sich im Nebel verloren.

Es gab Begegnungen, die nur einen Sommer hielten, flüchtig wie ein Windhauch  und jene kostbaren Menschen, die den Test der Zeit überstanden haben und noch heute als treue Gefährten an der Seite stehen. Oft kam der leise Zweifel, ob man es falsch gemacht hat, weil das schöne Bild des perfekten Familienglücks nie die eigene Realität war.  (10 der Kelche)

Doch in dieser Stille wird ganz langsam etwas sehr klar.  Das war kein Versäumnis. Es war das Schmieden eines Unikats.

Wie ein Schmied, der am brennenden Feuer steht (8 der Münzen), wurde in all diesen Jahren etwas Unverwechselbares geformt. Jede wilde Leidenschaft, jeder Schmerz und jede Euphorie waren Hammerschläge, die den Charakter geschliffen haben. Es brauchte diese Hitze, um heute eine wirklich klare Vision davon zu haben, was wirklich erfüllt. Man hat sich nicht mit dem Standard zufrieden gegeben; man hat an der eigenen Wahrheit gearbeitet.

Diese Geschichten sind nicht mehr zurückzuholen. Die Zeit hat sie mitgenommen, doch sie sind nicht verloren. Sie sind die Fäden eines Teppichs, der nicht nur in einer Farbe gewebt ist, sondern den man selbst aus unzähligen, verschiedensten Stoffen zusammengesetzt hat. Es ist ein Gewebe mit Mustern, die so komplex und eigenwillig sind, dass kein anderer sie nachahmen könnte. Selbst in den Momenten, in denen man Illusionen nachjagte, verbarg sich eine bittersüße Schönheit (7 der Kelche). Sie waren keine Fehler, sondern notwendige Träume, die gelehrt haben, das Wesentliche vom Schein zu unterscheiden.

Jetzt ist das Tempo ein anderes geworden. Das hastige Besser, Schneller, Weiter, Größer, verliert an Kraft. Man atmet tiefer (2 der Münzen). Man schaut auf das Gewebe aus Licht und Schatten und spürt keine Reue, sondern eine stille Zufriedenheit (9 der Kelche). Alles, was war, jedes Lachen, jede Träne und jeder Gefährte, hat den Boden bereitet.

Man steht nun inmitten seines ganz eigenen, unkonventionellen Designs. Ein universales Meisterstück, das sich aus unzähligen verschiedenen Mustern zusammensetzt. Hier und da gibt es kleine Löcher, und an einigen Stellen ist es schon geflickt, wirkt shabby oder rau, aber genau das macht seine unendliche Kostbarkeit aus. Es ist kein Teppich von der Stange. Es ist das Relief eines Lebens, das sich nie um Perfektion geschert hat. Er ist stabil, weil er aus echter Erfahrung gewebt ist. Und genau hier beginnt sich nun etwas ganz Neues zu gestalten.

Man blickt auf das kunstvolle Muster zu seinen Füßen, auf all die Fäden aus Licht, Schatten, Schmerz und Ekstase. Die Schwere der Jahre scheint sich in Auftrieb zu verwandeln. Alles, was man durchlebt hat, gibt diesem Flickwerk eine ganz eigene, magische Kraft. Man erkennt, dass dieser Teppich nicht dazu da ist, um einfach nur auf ihm auszuruhen  und wer weiß, vielleicht ist es ja ein fliegender Teppich. Und vielleicht braucht es genau diesen magischen Teppich um dort hin zu gelangen, wo deine Seele schon immer hin wollte.


Verwendete Karten:

Tarot of the Hidden Realm, Julia Jeffrey, Barbara Moore, Llewellyn Publications

The Gilded Tarot, Ciro Marchetti, Barbara Moore, Llewellyn Publications

Patchworkteppich

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