Als die Karten heute nach dem Mischen vor mir lagen und ich mir die Bilder ansah, erzählten sie mir sofort eine Geschichte. Sie liest sich von rechts nach links. So, wie man oft erst im Rückblick ein Stück seines Lebens versteht. Sie begann mit einem jungen Mann, der nichts ahnte.
Es war ein warmer Sommertag.
Die Sonne strahlte golden auf die Schultern des Narren, während er pfeifend den staubigen Weg entlang ging. Seine Schritte waren leicht, beinahe tanzend. Neben ihm sprang sein treuer Mischlingshund, aufmerksam und wachen Augen.
Plötzlich blieb der Hund stehen. Ein leises Knurren. Dann ein Bellen. Er sprang am Narren hoch, zerrte an seinem Leinengewand, als wolle er ihn zurückhalten.
Doch der Narr lachte nur und spazierte weiter. Dann sah er es.
Vor ihm, im fahlen Licht, lag ein Mensch reglos am Boden. Zehn Schwerter ragten aus seinem Rücken. Ein grausamer Anblick. Die Luft war still, als hielte selbst der Wind den Atem an.
Nicht weit von ihm hörte er Hufschläge. Ein Reiter preschte davon. Das Pferd bäumte sich, Staub wirbelte auf. Der Mann im Sattel drehte sich nicht um. Sein Mantel flatterte wie eine Fahne der Flucht.
Der Herzschlag des Narren hämmerte in seinen Ohren, im Takt der Hufe.
Warum bleibt er nicht?
Warum kniet er nicht nieder?
Warum sieht er nicht zurück?
Der Weg führte weiter, und der Narr folgte ihm, wie in einem Traum.
Er sah den Reiter wieder. Nicht mehr auf der Flucht, sondern zwischen Menschen. Ein Haus, fest und ehrwürdig. Stimmen, die ihn empfingen. Eine Frau trat aus der Tür. Sie legte die Arme um ihn, schmiegte sich an seine Brust.
Seine Hände ruhten schwer auf ihrem Rücken.
Sein Gesicht war ruhig. Zu ruhig.
Die Frau hob den Blick zu ihm, suchend, vielleicht glaubend.
Er flüsterte etwas in ihr Haar.
Und der Narr fragte sich, welche Geschichte hier erzählt wurde.
Wenige Schritte weiter loderte Feuer. Ein Schmied stand über dem Amboss. Muskelstränge spannten sich unter rußverschmierter Haut. Sein Blick war starr auf das glühende Eisen gerichtet.
Schlag um Schlag formte er es, ohne aufzusehen, ohne zu zögern. Funken sprühten wie zornige Sterne. Das Metall nahm Gestalt an. Hart, scharf, unnachgiebig.
Der Narr wollte ihn ansprechen, doch da trat ein Schatten zwischen sie.
Der Teufel.
Seine Augen glänzten wie schwarzes Glas.
Er lächelte, als hätte er lange auf diese Begegnung gewartet.
“Was tust du hier?“ fragte der Narr. Der Teufel lächelte.
„Ich erinnere sie nur.“
„Woran?“
„An das, was ihnen genommen wurde.“ Er beugte sich näher.
„Und ich verspreche ihnen, dass sie es zurückholen können.“
Der Teufel strich unsichtbare Fäden durch die Luft.
„Ich gebe ihnen nur, was sie wünschen.
Macht. Recht. Genugtuung.“
Sein Lachen war leise, fast hämisch.
„Ich flüstere ihnen zu, dass ihr Schmerz bezahlt werden muss.
„Und sie glauben, sie handeln gerecht.“
Hinter ihm stand eine Gestalt mit einer Waage in der Hand.
Justitia.
Der Narr spürte Kälte in der Sonne.
Weiter hinten sah er ein Herz, rot, offen, durchbohrt von drei Schwertern. Kein Blut tropfte. Das Meer rauschte.
Der Narr ging weiter, bis die Landschaft sich veränderte.
Die Luft wurde kühler. Stein ragte aus dem Boden wie erstarrte Wellen. Dort stand ein Thron. Kein weicher, goldverzierter Sitz, sondern ein massiver, steinerner Block, aus dem Ornamente wie eingefrorene Schatten wuchsen.
Auf ihm saß ein Mann mit weißem Bart. Sein Körper war in goldene Rüstung gehüllt, glatt und undurchdringlich. Ein roter Mantel fiel schwer über die Stufen des Thrones. Er saß aufrecht. Unerschütterlich.
Ein Bein hatte er über das andere geschlagen.
Sein Stiefel ruhte auf etwas. Der Narr blinzelte.
Unter dem glänzenden Leder lag eine Gestalt. Kaum noch zu erkennen, halb im Schatten, halb im Stein versunken. Kein Aufbegehren. Kein Laut.
Der Herrscher blickte nicht hinunter.
Sein Blick ging geradeaus, in die Ferne, als sei alles genau dort, wo es hingehörte. wo es hingehörte. In seiner Hand hielt er ein Zepter. Es war kein Schmuck. Es war ein Maßstab. Hinter ihm ragten Felsen in den Himmel, schroff und unnahbar.
Der Horizont glühte im warmen Licht, doch der Schatten des Thrones blieb kühl. Der Narr spürte, dass dieser Mann nicht tobte.
Er war nicht im Zorn. Er war überzeugt.
Überzeugt, dass man nur sicher sitzt, wenn etwas unter einem liegt.
Ein Windstoß strich über den Platz. Für einen Moment meinte der Narr, unter dem Stiefel einen Herzschlag zu hören.
Doch als der Narr näher trat, glaubte er, feine Risse im Stein des Thrones zu erkennen. Kaum sichtbar, wie alte Narben.
Und plötzlich war da ein anderes Bild, das sich über die Szene legte, als würde die Luft selbst sich erinnern. Ein Blitz flammte am Himmel auf.
Ein Turm zerbarst in gleißendem Licht. Stein splitterte, Mauern brachen.
Eine Krone löste sich im Fall vom Haupt eines Mannes.
Er griff ins Leere. Dann stürzte er in die Tiefe.
Schreie.
Staub.
Dann Stille.
Das Bild verflüchtigte sich. Der Herrscher saß noch immer auf seinem Thron.
Aufrecht. Gepanzert. Unerschütterlich. Nur sein Griff um das Zepter war einen Hauch zu fest.
Und im aufgewirbelten Licht stand eine Frau.
Eine Königin hielt einen Kelch in den Händen, als halte sie das Meer.
Ihr Blick war weich, nicht kalt, nicht triumphierend. Nur klar.
Sie sprach nicht.
Sie wandte sich ab und ging.
Der Narr begann zu verstehen.
Vielleicht hatte dieser König einst geliebt.
Vielleicht hatte er sein Herz in diesen Kelch gelegt.
Vielleicht war es zerbrochen. Vielleicht hatte sie ihn für einen anderen verlassen.
Und vielleicht hatte er in jener Nacht, als der Turm fiel, geschworen, nie wieder zu stürzen. Nie wieder weich zu sein. Nie wieder Nähe zu zulassen.
Nie wieder blind zu vertrauen.
Als der Staub sich legte und niemand kam, ihn aufzuheben,
begrub er nicht nur seine Krone im Schutt.Er begrub sein Vertrauen.
Er schwor sich, nie wieder so tief zu fallen.
Nie wieder mit offenen Herzen.
Nie wieder schutzlos.
Er verhärtete sein Herz wie Stahl im Feuer.
Schicht um Schicht legte er Rüstung über Erinnerung.
Er lernte zu erobern und zu nehmen. .
Schnell zu sein, bevor Nähe ihn einholen konnte.
Wegzustoßen, bevor jemand seine Schwäche nur im Geringsten erahnen konnte.
Zu gehen, bevor er verlassen wurde.
Er ließ andere fallen,
nicht aus Lust,
sondern aus einem alten, brennenden Schwur:
Nie wieder ich.
Der Narr stand lange still. Die Sonne war inzwischen tiefer gesunken.
Sein Hund setzte sich neben ihn. Ruhig. Als wüsste er, dass eine Schwelle überschritten war.
Der Narr blickte noch einmal zurück auf den Gefallenen mit den zehn Schwertern.
Und zum ersten Mal fragte er sich nicht nur, wer ihn getötet hatte.
Sondern wer ihn einst hatte fallen lassen.
Der Weg vor ihm war derselbe wie zuvor.
Doch seine Schritte waren nicht mehr ganz so leicht.