Es ist schon eine Weile her, aber ich erinnere mich noch genau. Eines Tages ging in dem kleinen Dorf in den Catskill Mountains das Gerücht um, es gäbe dort einen Geschichtenerzähler. Die Dorfbewohner sprachen von einem alten Mann mit Bart, der jeden Freitag zur gleichen Stunde unten am Fluss saß, immer unter derselben alten Eiche, und immer dieselbe Geschichte erzählte. Junge und Alte kamen, Händler von weit her, Lehrer, Bauern. Manche nahmen lange Wege auf sich, nur um ihm zuzuhören. Das machte mich neugierig und so beschloss ich, ihn selbst aufzusuchen. Manche sagten, man solle ihm nicht glauben. Andere sagten, man solle nicht zu lange bleiben. Ich hatte schon immer meinen eigenen Kopf und wollte mir selbst ein Bild machen, also machte ich mich an einem Freitag auf den Weg.
Als ich am Fluss ankam, hatte sich bereits eine bunte Menschenmenge um die alte Eiche versammelt. Babys wurden von ihren Müttern gestillt, Kinder spielten Fangen und ein leises Stimmengemurmel lag in der Luft. Doch in dem Moment, als der alte Mann mit dem Bart und dieser Brille, die sich seiner Gesichtsform seltsam genau anzupassen schien, die Hand erhob, wurde es still. Eine Spannung lag in der Luft. An den genauen Wortlaut kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich weiß noch, wie er begann.
„Ich war kein schlechter Mensch. Ich bin nur immer gegangen, wenn es schwierig wurde. Meine Frau sagte, ich würde nichts zu Ende bringen. Vielleicht hatte sie recht. Ich habe gern anderen geholfen. Fremden fiel es leichter, dankbar zu sein. Zu Hause warteten das undichte Dach und der kaputte Gartenzaun auf mich, Dinge, die nicht verschwanden, nur weil ich sie nicht ansah. Am wohlsten fühlte ich mich in den Bergen, im Wald, wenn ich mit meinem Hund unterwegs war. Dort fand ich Ruhe vor dem ewigen Geschimpfe. Ich konnte es irgendwann nicht mehr ertragen, immer wieder zu hören, was ich alles nicht getan hatte.
Und dann, eines Tages, dort oben im Wald, an der Stelle, wo die kleine Quelle entspringt, begegnete ich ihnen. Kleinen, geheimnisvollen Gestalten. Ich nahm ihr Angebot an, ohne lange nachzudenken, und trank aus ihren Bechern. Es war mir gleichgültig, wie spät es geworden war. Ihre Gesichter waren spitzbübisch, ihre Stimmen verführerisch, ihre Gesten einladend. Aus kleinen silbernen Fläschchen, die an ihren Ledergürteln hingen, gossen sie mir ein Gebräu in einen filigranen Becher. Es schmeckte süß. Es wärmte mich von innen. Doch schon nach kurzer Zeit begannen meine Sinne, mir Streiche zu spielen. Alles wurde verschwommen. Die Bäume fingen an zu tanzen, und die kleine Quelle versiegte plötzlich. Und ab da erinnere ich mich an nichts mehr.
Als ich wieder zu mir kam, war nichts mehr, wie es einmal gewesen war. Ich erkannte die Menschen nicht mehr, obwohl ich doch jeden im Dorf gekannt hatte. Auch die Schmiede war nicht wiederzuerkennen. Der Geruch von Kohlerauch, das rhythmische Schlagen der Hämmer, das Schnaufen des Blasebalgs, all das war verschwunden. Stattdessen lag ein fremdes Surren in der Luft. Die Hosen der Männer waren lang und schlotterten um die Knöchel, aus dünnem Stoff, der im Wind flatterte. Selbst die Frauen trugen keine schweren Hauben mehr. Ihre Kleider leuchteten in Mustern, die nicht von einem heimischen Webstuhl stammen konnten. Ich blieb stehen. Was war geschehen?
Schweigsam, fast ängstlich, machte ich mich auf den Weg zu dem Haus, in dem ich mit meiner Frau gelebt hatte. Doch das Haus war verschwunden. An seiner Stelle war nun eine Pferdefarm. Ich konnte mir das alles nicht erklären. Es war, als hätte ich mich verlaufen, nicht im Wald, sondern in meinem eigenen Leben.
Ich sprach die ersten Menschen an, die mir begegneten. Fragte nach Namen, nach Gesichtern, die ich zu kennen glaubte. Doch sie sahen mich nur an, als hätte ich mich geirrt. Manche zuckten mit den Schultern. Andere musterten mich, als gehöre ich nicht hierher. Schließlich blieb ich vor einer Frau stehen, die mich einen Moment länger ansah als die anderen. „Das Haus…“, sagte ich und deutete hinter mich, „das stand doch hier. Und meine Frau…“ Sie legte den Kopf leicht schief. „Das ist lange her“, sagte sie. „Die Frau, von der du sprichst, die gibt es nicht mehr.“ „Ich war doch nur kurz weg“, sagte ich leise. Sie antwortete nicht. Aber etwas in mir blieb stehen. „Und das Haus?“ „Schon vor Jahren verschwunden.“ Mehr sagte sie nicht. Ich bedankte mich, obwohl es nichts gab, wofür man sich bedanken konnte, und ging weiter. Später habe ich mich oft gefragt, ob das der Moment war, in dem ich wirklich aufgewacht bin. Nicht im Wald. Sondern dort, zwischen fremden Gesichtern, mit der Gewissheit, dass nichts mehr auf mich wartete.
Ich fragte weiter nach ihr. Erst vorsichtig. Dann direkter. Manche erinnerten sich noch. „Sie hat lange durchgehalten“, sagte jemand. „Allein“, fügte ein anderer hinzu. Mehr erfuhr ich nicht. Später saß ich am Rand des Dorfes, dort, wo der Weg in den Wald beginnt. Ich dachte an das Dach. An den Zaun. An all die Dinge, die auf mich gewartet hatten. Und daran, dass sie irgendwann aufgehört hatten, auf mich zu warten. Es war still. Anders als früher. Mein Hund kam nicht.
Als er seine Geschichte beendete, blieb es einen Moment still. Dann begannen die Menschen sich zu bewegen, und das Stimmengemurmel setzte wieder ein. Manche gingen, andere blieben noch sitzen. Der alte Mann aber sah zum Fluss, als würde er auf etwas warten. Ich weiß nicht, ob ich ihm geglaubt habe.
Aber ich bin am nächsten Freitag wiedergekommen.
Inspiriert von der Geschichte „Rip Van Winkle“ von Washington Irving sowie den Illustrationen von Arthur Rackham aus dem Arthur Rackham Oracle